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Projekttitel
Türkeibezogene Diskurse im Kurier
Projektleitung
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Status
in Durchführung, Fundraising
Kurzbeschreibung
In den letzten Jahren intensivierte sich die westliche Auseinandersetzung mit der islamisch-geprägten Welt, in Österreich speziell mit der Türkei. Das Pilot-Projekt versucht in der mittelständischen Zeitung Kurier Themen, Konnexe, Symbole und Kernaussagen, die Artikel über die Türkei in den Jahren 1997-2007 beinhalten, zu analysieren. Im Rahmen dieses empirischen Projekts sollen Überlegungen von André Gingrich zu Phasen eines spezifisch österreichischen Orientalismus (bis 1996) weiter geführt werden. Dabei wird der methodische Ansatz einer kritischen Diskursanalyse (im Anschluss an Siegfried Jäger) für eine empirische Analyse diskursiv-medialer Praktiken zum Einsatz gebracht.
Ausgangspunkt
„Wozu haben unsere Vorfahren denn gegen die Türken gekämpft, wenn wir sie heute wieder hereinlassen?“ (Dr. Jörg Haider, ehemaliger Landeshauptmann Kärntens)
Edward W. Said veröffentlichte 1978 das Buch „Orientalism“, in dem er einen wandelbaren, in seinen Grundzügen sich jedoch über Jahrhunderte erstreckenden Diskurs (im Foucaultschen Sinn) beschreibt, mittels dessen der Okzident den Orient als sein Anderes konstruiert. Dieser Diskurs hat Said zufolge weniger mit dem Orient selbst als mit ‚unserer‘ Welt zu tun und dient so als Anker einer gemeinsamen nationalen bzw. ‚westlichen‘ Identität (vgl. Said 1978, 12). Die Konstruktionen des Orients sind als systematisches Wissen über das Andere politisch, soziologisch, militärisch, ideologisch und wissenschaftlich fest in den Vorstellungen und Institutionen des sogenannten Westens verankert und als solche historisch und aktuell von Macht- und Dominanzbeziehungen geprägt (vgl. ebd., 2-5). Saids Orientalismuskonzept geht explizit von der Begegnung mit dem Orient im Rahmen der kolonialen Bestrebungen Frankreichs, Englands und der USA aus, deren Orientbilder dementsprechend die primitiven, unterlegenen Einwohner weit entfernter Gebiete beinhalten, die die Segnungen der Präsenz der Kolonialmächte entweder dankbar annahmen oder sich machtlos auflehnten. Die historische Erfahrung hierzulande ist demgegenüber eine gänzlich andere und hauptsächlich von der unmittelbaren Nachbarschaft einer konkurrierenden Großmacht – des osmanischen Reiches – bestimmt, sowie von der Eingliederung bosnischer Moslems im Zuge der Expansion der Habsburgermonarchie in ehemals osmanische Gebiete. André Gingrich prägte für diese Konstellation – für die der muslimische Türke als paradigmatischer Exponent gelten kann – den Begriff frontier orientalism. Dieser ist vom dichotomen Bild der Konkurrenz zum und der existenziellen Bedrohung durch einen aggressiven Orientalen geprägt, dessen Niederlage und Demütigung die eigene Prosperität sichert und in Folge zu dessen Einverleibung und teilweisen Umwandlung in den treuen und gehorsamen Orientalen führt (vgl. Gingrich 2003, 122). Gingrich (ebd., 111f) unterscheidet drei Phasen der österreichischen Einstellung zum (in Österreich türkisch geprägten) Orient seit dem zweiten Weltkrieg: Eine Zeit der Bedeutungslosigkeit von 1945-70, eine sehr positive bis 1986 und eine ambivalente bis 1996. Anschließend an Gingrichs Phasenmodell setzt das vorliegende Projekt im Jahr 1997 an, um die weitere Entwicklung zu erfassen. Die weltweiten Umwälzungen, die gemeinhin als die Folgen der Anschläge vom 11. 9. 2001 auf das World Trade Center in New York gesehen werden, leiteten für den sog. Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und deren polarisierender Funktion eine Neuausrichtung des Anderen am Bild des (radikalen) Moslems ein. Auch an Österreich sind diese Veränderungen nicht spurlos vorüber gegangen. VertreterInnen rechter Parteien beziehen Bilder des ‚fremden Orientalen‘ vermehrt in ihre politische Agitation ein. Auch im medialen Bereich nimmt die Thematisierung des ‚Orientalen‘ breiten Raum ein. So wird beispielsweise über sexuelle Ausrichtung und Nervenleiden des Propheten Mohammed oder angeblich in der islamischen Welt weit verbreitete Tierbordelle (Der Falter) spekuliert. Im ersten Prozess der Republik Österreich gegen islamische Terroristen wird eine der beiden Angeklagten wegen Tragens eines „Fetzens“ (Die Presse) von ihrem eigenen Verfahren ausgeschlossen. Demgegenüber findet ein tatsächlich verübter Anschlag, durch den ein Österreicher laut eigener Aussage aufzeigen wollte, "dass man fremde Kulturen in einem Maß importiert, das ungesund für die Bevölkerung ist" (Vienna online) wenig mediale Beachtung. Diese beispielhaft herausgegriffenen Ereignisse demonstrieren, dass in Österreich eine neue Auseinandersetzung mit und Positionierung zu dem islamisch geprägten ‚Orient‘ stattfindet, der eine intensivere Beschäftigung mit diesem Prozess nahe legt. Die Entwicklung erscheint zunächst als eine, die durch äußere Ereignisse (9/11; die folgenden US-dominierten Kriege; die Anschläge von Madrid, Mumbai, Bali und London etc.) angestoßen wurde, und in diesem Sinn primär medial importiert wurde. Aus diesem Grund erscheint eine Konzentration der Analyse auf die mediale Ebene angezeigt. Gleichzeitig vermengen sich die globalen Trends mit lokalen Diskursen, bauen aufeinander auf, ergänzen und vermischen sich. Der gewählte Zeitrahmen 1997-2007 erlaubt es, Kontinuitäten und Brüche in der medialen Inszenierung des Orient nicht lediglich als Echo auf die erwähnten globalen Verschiebungen zu analysieren, sondern auch die Entwicklungen der späten 90er Jahre mit zu berücksichtigen. Da für die österreichische Situation der frontier orientalism und damit eine stark über die Beziehungen zur Türkei bzw. deren historischen Vorläufern (dem ‚osmanischen Reich‘) vermittelte Wahrnehmung des Orient prägend ist, kann angenommen werden, dass die Diskussion und öffentliche Wahrnehmung des Orient sich in Österreich auch weiterhin stark auf die Türkei und Menschen türkischer Abstammung in Österreich konzentriert. Diese Annahme bedingt die Fokussierung der Pilotstudie auf Türkei-bezogene Diskurse.
Metatheorie
Der gesellschaftliche Gesamtdiskurs stellt nach Siegfried Jäger einen „Fluß von Wissen bzw. Sozialen Wissensvorräten durch die Zeit dar“ (Jäger 2009, 132) und bildet als solches ein materielles Produktionsinstrument, mit dem auf geregelte Weise historisch-soziale Gegenstände hervorgebracht werden (ebd., 125). Als solcher schafft der diskursive Fluss Denk- und Sagbares, die darin möglichen Positionen und auch Gegenpositionen, sowie die dadurch erzeugten Machtbeziehungen. In Anlehnung an Link und Link-Herrs Rezeption von Michel Foucault versteht Siegfried Jäger einen Diskurs als „lediglich die sprachliche Seite einer ‚diskursiven Praxis‘ [die] aus Institutionen, Verfahren der Wissenssammlung und –verarbeitung, autoritativen SprecherInnen bzw. AutorInnen, Regelungen der Versprachlichung, Verschriftlichung, Medialisierung“ (ebd., 125) besteht.
Texte werden in dieser Konzeption als materielle Basis eines Diskurses verstanden, die als sprachlich gefasstes Ergebnis einer Tätigkeit gesehen und zum Zwecke der Kommunikation mit anderen oder einem selbst produziert werden. Die Voraussetzung zur Produktion eines Textes stellt Wissen dar, welches der Mensch durch die bestehenden gesellschaftlichen Diskurse einer bestimmten historischen Zeit erwirbt (vgl. ebd., 118). Texte sind somit niemals rein individuell, sondern stets diskursiv erzeugt. Sie dienen damit als Basiseinheit der Rekonstruktion der Diskurse, aus denen sie sich speisen. Jäger bezeichnet Elemente eines Diskurses, die auf diese Weise rekonstruiert werden, als Diskursfragmente. Ein Text kann, sofern er thematisch heterogen ist, zu verschiedenen Diskurssträngen Diskursfragmente enthalten. (vgl. ebd., 117) Ein Diskursstrang stellt dann eine thematisch verwandte Abfolge von Diskursfragmenten dar, die direkt oder indirekt auf einander Bezug nehmen, z. B. durch die Nutzung kollektiver Symbolik, die spezifische (formal-inhaltliche) Strukturierung eines Themas oder bestimmte Argumentationslogiken. Diskursstränge bewegen sich auf verschiedenen Diskursebenen, die die „sozialen Orte“ (zit. Jäger 2001, 99) der Textproduktion darstellen und als solche Reglements unterworfen sind, die wiederum diskursiv konfiguriert sind (vgl. Jäger 2009, 117) (z.B. Wissenschaftliche Publikationen, Medien, Alltagsgespräche, etc.). Der gesellschaftliche Gesamtdiskurs besteht aus ineinander verwobenen Diskurssträngen, die untereinander zahlreiche Berührungspunkte, sogenannte diskursive Knoten aufweisen. Ereignisse, die in einem bestimmten Diskursstrang (oder mehreren) verarbeitet sind, werden als diskursive Ereignisse bezeichnet, wobei erst der diskursive Widerhall eines Ereignisses dieses als diskursives erschafft (vgl. ebd. S. 132). Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass derartige Ereignisse häufig Ankerpunkte für die Entfaltung diskursiver Verläufe darstellen.
Forschungsfragen
Die Forschungsfragen, auf die dieses Projekt erste Antworten geben möchte, schließen an das Jägersche Diskurskonzept sowie an die Phaseneinteilung nach Andre Gingrich an:
- Welche Diskursfragmente lassen sich für den Diskursstrang bezüglich der Türkei in der Zeitung Kurier zwischen 1997 und 2007 analysieren?
- Welche Positionen sind darin vorgezeichnet und welche diskursiven Knotenpunkte mit anderen Strängen sind erkennbar?
- Wie lassen sich die analysierten Fragmente auf das Konzept des frontier orientalism beziehen? Welche Abweichungen/Veränderungen sind feststellbar?
Forschungsdesign
Als Basis für die Korpusbildung wurde eine quantitative Analyse der Häufigkeit des Erscheinens von Türkei-bezogenen Artikeln auf der Titelseite des Kuriers durchgeführt. Diese Analyse ergab mehrere ‚Spitzen‘ der medialen Auseinandersetzung mit der Türkei. Für jede dieser dichten Phasen wurden die entsprechenden Artikel zunächst nach thematisch-inhaltlichen sowie formalen Gesichtspunkten aufbereitet. Dabei konnten erste Aussagen über die Verteilung und Gewichtung von Themen und Inhalten im untersuchten Medium getroffen werden. Zur detaillierten Auswertung werden in einem weiteren Schritt aufgrund der inhaltlich-thematischen Ausrichtung charakteristische Artikel für die jeweiligen Phasen der Auseinandersetzung ausgewählt und einer diskursanalytischen Feinanalyse unterzogen. Anschließend werden die Ergebnisse der Detailauswertungen zum Gesamtbild in Beziehung gesetzt.
Zielsetzung
Das laufende Pilotprojekt widmet sich der Analyse diskursiver Konstruktionen eines ‚österreichischen Orient’ zunächst exemplarisch anhand türkeibezogener Artikel im Kurier. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche medial vermittelten Diskursstränge sich eines türkisch-islamischen Orients bedienen und wie dieser darin konstruiert wird. Die Ergebnisse der Analysen werden auf das von André Gingrich erarbeitete Konzept des frontier orientalism, sowie das darauf aufbauende Phasenmodell bezogen, womit ein Beitrag zur Weiterbearbeitung und eventuellen Spezifizierung des Konzepts geleistet werden soll. Darüber hinaus ist eine Erweiterung des Projekts in Richtung einer laufenden kritisch diskursanalytischen Auseinandersetzung mit (Re-) Präsentationen des (islamisch-türkisch konnotierten) Anderen in österreichischen Medien geplant.
Auszug relevanter Literatur
- Gingrich, Andre: Grenzmythen des Orientalismus – Die islamische Welt in Öffentlichkeit und Volkskultur Mitteleuropas. In: Erika Mayr-Oehring/Elke Doppler (Hrsg.): Orientalische Reise. Malerei und Exotik im späten 19. Jahrhundert. – Wien: Museen der Stadt Wien, 2003.
- Jäger, Siegfried: Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse. In: Keller, Reiner u.a. [Hg.]: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band I: Theorien und Methoden. Opladen: Leske & Budrich, 2001. S. 81-112
- Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse: Eine Einführung. – Münster: Unrast, 2009.
- Said, Edward W.: Orientalism. – New York: Random House, 1978.
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